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Als das Handy laufen lernte.Mein erstes und gleichsam letztes Handy bekam den Spitznamen „Knochen“ und das hatte seinen Grund. Es war schwer (knapp 500 Gramm), sah gewöhnungsbedürftig aus und erwies sich als äußerst pflegeintensiv. Ständig war der Akku leer und allein darum steckte es öfter am Netz, als die Orientierungsleuchte eines Kinderzimmers. Ein unschönes Teil, welches man schamlos als klobig bezeichnen darf.

Aber auch der Rest der erhältlichen Geräte sah so aus. Hier hat das geflügelte Wort „Wer die Wahl hat, hat die Qual“ seinen Ursprung. Das monofarbene Display besaß die Größe einer Sondermarke für sportliche Ertüchtigung und die Wahltasten hatten die Größe eines LKW-Pedals. Es schien, als gäbe es eine international gültige Absprache aller Industriedesigner, sich nicht näher mit dem Thema Mobilfunkgerät zu befassen.

Es war 1992 und man bezahlte eisern in D-Mark. Ein Handy galt seinerzeit noch als Statussymbol und kaum jemand besaß ein solches Gerät, oder war Willens, die Tarife der Verbindungspreise zu akzeptieren. Ein Handybesitzer war also ein Freak. Seinerzeit verzeichnete die Statistik 1600 angemeldete Mobilfunkgeräte. Mittlerweile hat sich diese Zahl drastisch geändert. Vom Smartphone war das einstige Handy weiter entfernt, als der Satan von seiner Heiligsprechung.

Als das Handy laufen lernte.Es begann damit, als plötzlich jeder mit einem Handy bewaffnet auftrat. An allen Ecken klingelte es plötzlich und man zuckte reflexartig zusammen. Die Klingeltöne waren grausam. Kein Multi-Stereosound-Geträller, sondern Mono-Ton-Gequäke der Gattung Einfallslosigkeit. Viele Features standen noch nicht einmal auf den Wunschzetteln der Entwickler. Und dann standen sie da, die Benutzer eines Handys. Es geriet jedesmal zum Event, wenn ein Handy durch eine Folge besagter grausamer Töne einen Anruf ankündigte.

Der Angerufene wäre am liebsten auf einen Sockel gestiegen, hätte sich flutlichtmäßig anstrahlen lassen und sich dann mit adeliger Anrede gemeldet.

Leider stand er aber vor der Kühltheke eines Discounters und schaute sich das Sortiment an. Den blau angelaufenen Fingern nach zu urteilen, stand er da schon länger. Das Timing weist demnach Optimierungsbedarf auf und schien beileibe nicht ausgereift. Vielleicht lag es aber auch daran, dass seine Frau, die ihn schon vor einer dreiviertel Stunde anrufen wollte, stattdessen jedoch mit dem Pizzaboten den Kamasutra durchging, und zwar Seite für Seite. Hier bewährte sich die deutsche Gründlichkeit der Hausfrauen wieder.

Das Dumme ist, dass nach dieser Wartezeit nicht nur die Finger, sondern auch die Pizza kalt geworden war.

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