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Als die Jugend gingEs muss ein schleichender und lang anhaltender Prozess gewesen sein, der zum Begleiter wurde, wie der tägliche Blick in den Spiegel und daher nicht auffiel. Ich hörte auf, an imaginären Ketten zu zerren und wollte keine Mauern mehr einreißen, die eh nur in meiner Einbildung existieren.

Die Hormone drängten nicht mehr in dieser fordernden Intensität. Sie ließen Ruhe einkehren. Und dann irgendwann, als ich schon gar nicht mehr damit rechnete und zu keiner Sekunde daran dachte, erschlug diese Ruhe den Rebellen in mir und schuf Platz für die Vernunft. So musste es sich wohl zugetragen haben, als die Jugend ging.

Und jetzt besitzt man die Reife, auf die vorher noch geschimpft und gewettert wurde. Jetzt besitzt man die Ruhe und Gelassenheit, die sonst so fern war und dich nie zu erreichen drohte. Und man verfügt über die Fähigkeit, seiner Überlegenheit zu befehlen sich zu tarnen. Das Lachen ist ehrlich und die Tränen passieren das Licht des Tages

Es sind diese Momente, an die man sich nicht mehr zu erinnern vermag. Irgendwann machte man die ersten Schritte und konnte alleine laufen. Man besitzt vielleicht Fotos, weiß aber selbst nicht mehr wann es war. Die ersten Wanderschuhe, die ersten Schwimmversuche im Wasser und der erste Liebeskummer. Lang schon verheilte Wunden, die nicht bei jedem eine Narbe bilden. Oftmals wollen sie nicht verheilen.

Das eherne Gefühl der Unverletzbarkeit, ja sogar die Arroganz der eigenen Unsterblichkeit wich. Anfangs zuckte es noch zusammen, wenn sich ein Zipperlein blicken ließ, doch mit der Zeit ließ es sich gar nicht mehr blicken. Das Geräusch einer alten, knarrenden Türe wurde stets vertrauter, weil sich die Angeln nicht mehr schmieren lassen. Die Zeit wird teurer, aber man geht spendabel damit um, als wüchse sie nach.

Situationen, Begebenheiten und bloße Dinge wechselten ihre Bezeichnungen. Aus der langen Leitung wurde eine wohl überlegte Handlung und der Irrsinn nannte sich fortan Experiment. Mit der Jugend ging auch ein Großteil meiner Individualität, denn das Korsett der Anpassung schnürte sich enger und enger um mich. Irgendwann wird es mich erwürgen.

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