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Warum Daytrading immer attraktiver wirdAllein der Name „Daytrader“ klingt als Bezeichnung des Jobs mehr nach Weltraumtechniker, denn nach Bodenpersonal und das macht die Angelegenheit insgesamt spannender. Dass sich ehemalige Kollegen unter dem Begriff „Daytrader“ nichts vorstellen können und allein bei der korrekten Aussprache straucheln, gestaltet das Unterfangen noch reizvoller. Auch die Wandlung des Arbeitsplatzes ist von Neid umhüllt. Wenn das Auto vor der Türe stehenbleibt, erübrigt sich auch die allabendliche Parkplatzsuche.

Das – aufgrund anhaltender Dürre – nie benutzte Kinderzimmer, wird flugs zur künftigen Wirkungsstätte umfunktioniert. Man benötigt nicht viel, denn schließlich arbeitet man als Daytrader von zuhause und zwar wann man will. Diese Zwanglosigkeit scheint unübertroffen, wenn man unrasiert und im Bademantel Weizen aus Chicago ordert, um diesen nur wenige Sekunden später einem Abnehmer in Tokio mit stolzem Gewinn zu verkaufen. Mit einigen Mausklicks wird plötzlich mehr verdient, als sonst im ganzen Monat.

Parketthandel mutiert zum Laminathandel.

Das Internet macht’s möglich. Niemand muss irgendwo persönlich anwesend sein, um an der Börse handeln zu können. Aktien, Wertpapiere, Bonds oder Futures sind ebensolche Waren wie Kartoffeln, Äpfel oder Jeans. Alles sind Produkte und alles sucht einen Käufer. Verdienen kann nur der, der mit dieser Ware handelt, also der Händler – der Trader, der Daytrader, der Börsianer schlechthin.

Einen Kapitän erkennt man an den Streifen am Ärmel, einen General an den Sternen auf der Schulter und einen Daytrader erkennt man an der Wand von Monitoren vor der er sitzt, und welche ihm zu jeder Zeit alle erdenklichen Kurse anzeigt. Hier ist hierarchisch festgelegt worden, über wie viele Monitore ein Daytrader verfügt. Wie ein Porschefahrer muss man sich hochkämpfen. Die Faustregel lautet schlicht: Je mehr Monitore aktiv sind, desto höher fällt die Stromrechnung aus.

Makler in Sachen Handelsgut.

Schnelle und stabile Leitungen sind unabdingbar, ebenso wird ein strammes System geschätzt. Plötzlich wird aus der klobigen Spiel-Kiste wie von Geisterhand ein Arbeitsgerät namens PC. In der Erwartung künftiger Umsätze wachsen die Bedürfnisse der Familie, als käme man als Gewinner von Günther Jauch nach Hause. Die Etagenwohnung wandelt sich in ein Reihenhaus und der Skatabend weicht dem Tennisspiel. Man verabschiedet sich von der 40-Stunden Woche und heißt die 60-Stunden Woche willkommen.

Hier geht es nicht um Häuser, Wohnungen oder Grundstücke. Hier geht es um die Finanzlage der ganzen Welt und da sind wirkliche Spezialisten gefragt und Fachleute am Werk. Millionen und Milliarden wechseln binnen weniger Augenblicke den Besitzer. Lange schon ist man bei den echten Gewinnern, denn mit kleinen Beträgen gibt man sich erst gar nicht ab. Wochenlang werden Fachbücher und Internetseiten von Profis ausgesaugt und sich Fachbegriffe gemerkt. „Short“ oder „Long“ klingt auch irgendwie spaciger als kurz und lang.

Es klingt nach Morsealphabet.

Stundenlanges Beobachten des Marktes ist des Daytraders Hauptbeschäftigung. Die als Lauern bekannte Variante aus der Natur, steckt noch immer tief in uns. Nicht immer ist ein agiles Auf und Ab der Kurse zu verzeichnen und wie bekannt stirbt die Hoffnung zuletzt. Nicht jede Marktbewegung ist mit Gewinn für den Daytrader zu betrachten, denn auch hier gilt die Regel: Es gewinnt immer die Bank. Nicht selten wäre ein Daytrader gerne der Besitzer einer Kristallkugel, mittels dieser sich die Zukunft erblicken ließe. Die sich dann zeigenden Kurse stünden als sicherer Tipp da. Jetzt wäre der Sprung zu unendlichem Reichtum keine olympische Disziplin mehr, sondern ein Sprung aus dem Stand.

Traden ist wie Lotto spielen, nur öfter. Um mitspielen zu können braucht der Daytrader Geld. Dieser Einsatz ist evtl. das Ersparte, das Geliehene, der Geerbte. „Nimm nur das Geld, was du wirklich erübrigen kannst.“ lautet eine Regel, die gerne über den Haufen geworfen wird. Zu gewaltig ist die Verlockung und viel zu oft wird sich dieser hingegeben. Ans große Geld will der Börsianer und zwar schnell und ohne Umwege. Es gibt nur 2 Möglichkeiten für jeden Kurs: rauf oder runter.

Der Rubel muss rollen und allein darum sind Münzen rund.

Es ist wie beim Roulette, als ob man sich zwischen rouge oder noir zu entscheiden hätte. Kein Notar überzeugte sich oder andere vom ordnungsgemäßen Zustand der Börse. Gehandelt wird rund um die Uhr, irgendeine Börse ist sicherlich geöffnet. Und traden kann und darf jeder. Es gibt keine Qualifikation. Es ist – dank des Internet’s – zur festen oder zur Freizeitbeschäftigung geworden. Börsenwissen ist chiffriert und nur wenige finden einen Zugang. Der Kreis der Eingeweihten ist überschaubarer als die Mitgliederzahl der Mafia.

Keine mathematischen oder sonstigen Kenntnisse sind erforderlich, um sich als Daytrader zu verdingen. Insider-Tipps von Angestellten der heimischen Hausbank entpuppen sich als wertvoll. Schließlich sind auch diese Leute durch den Handel mit Werten zu unermesslichem Reichtum gelangt. Warum sie immer noch für eine Bank arbeiten, liegt wahrscheinlich an ihrer ausgeprägten Nächstenliebe oder an unerklärlicher Fürsorge.

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