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Heiraten ist mehr als ein Hochzeitsbild.

Willst du unser Trauzeuge sein?Na klar, wenn an dem Tag nichts Gescheites im Fernsehen läuft?! Man ist gerne Trauzeuge. Es gibt zwar kein Zeugengeld, aber dafür bietet sich ein Buffet und jede Menge Schnaps an. Also sagt man zu. Zu Beginn, wenn man noch nüchtern ist, verfolgt man das Spektakel und fühlt sich irgendwie berührt, später betroffen und zuletzt mindestens mitschuldig an dem Elend der kommenden Jahre. Trauzeuge zu sein ist, wie einen Titel zu bekommen. Patenonkel ist auch so ein Titel.

Man kennt ja die Reihenfolge des Heiratens aus Filmen und Büchern. Eher aus Filmen. Erst kommt das Standesamt, dann die Kirche und dann die Fahrt mit der geliehenen Stretch-Limo zum Lokal und da geht’s nicht so steif, förmlich und trocken zu, wie zuvor. Es ist wie der Umgang mit Besteck. Irgendwann hat man den Dreh raus und weiß was zuerst bzw. was zuletzt an die Reihe kommt. Die Heirat ist schließlich ein Fest der Freude. Überall müssen die Brautleute stehen und lächeln.

Überall lauert jemand mit einer Digicam, einem Camcorder oder seinem Fotohandy und mutiert binnen weniger Augenblicke, vom besten Kumpel des Bräutigams, zum aufdringlichen Paparazzo mit nicht mehr therapierbaren Stalker-Ambitionen. Eigens für diese Gestörten erfand man die farbige Distanz-Linie vor den Schaltern. Schon auf dem Flur des Standesamts begann dieser Spießrutenlauf. „Stellt euch mal vor die breite Tür, das sieht dann schon so gerahmt aus, mehr nach rechts, so, genau, und lächeln…jetzt mal vor die Pflanze da hinten, genau, etwas in die Knie, ich will nur ab Brust aufwärts, super, und lächeln…“.

Hauptsache die Frisur hält die kurzen Sprints durch das Rathaus aus. Jedenfalls ist bei dieser Kalorienverbrennung davon auszugehen, dass die Figur der Braut endlich mit dem Brautkleid harmoniert ohne permanent die Luft anhalten zu müssen. Der Bräutigam strahlt wie ein Reaktorkern, als ob er auf der Kirmes einen Plüschteddy geschossen hatte. Die Schuhe scheinen Beiden im Weg zu sein. Aber in Turnschuhen zur Trauung zu erscheinen, brachte noch nicht einmal Joschka Fischer fertig.

Die Eheschließung im Zimmer des Standesbeamten ist genau genommen nur die Flucht vor der unabänderlichen Knipserei. Die dort zu leistende Unterschrift, stellt den temporären Freikauf aus der Sklaverei und der Unterdrückung des Blitzlichtes dar, denn bei der kirchlichen Zeremonie setzt sich der „Bitte Lächeln-Wahn“ fort. Bilder vom „schönsten Moment des Lebens“ zu besitzen ist Pflicht. Nur der Gedanke an spätere Jahre, wenn man die Enkel auf den Knien schaukelt und zwischen Gebäck und Kakao im Bilderalbum blättert sagen kann: „Schau, das war damals, als deine Oma und dein Opa heirateten…“, ist das alles wert gewesen. Es ist wie eine Expedition zum Himalaya. Man war dabei, aber ansonsten sind es bloß Strapazen, dass man sich im Minutentakt übergeben will.

Und was hat man genauer betrachtet davon? Zwei Menschen leben zusammen auf engstem Raum und können sich nach spätestens 3 Wochen nicht mehr leiden. Sie heißt plötzlich anders und er ackert wie ein Bekloppter für den Nachwuchs. Tag und Nacht. Wenn es sich technisch bewerkstelligen ließe, würde er den Kinderwagen am Liebsten tiefer legen, Breitreifen aufziehen, eine fetzige Stereoanlage einbauen und Flügeltüren anbringen lassen. Aber sie möchte das nicht und wer das letzte Wort hat, wird er noch lernen.

Die Auto-Fahrt zum Lokal zieht sich und das nervige Gehupe geht mir auf den Zwirn. Das Blumengebinde auf der Motorhaube wurde nicht richtig verzurrt und ging bereits in einer scharfen Linkskurve baden. Anschnallpflicht herrscht nur in den Fahrzeugen, da sehe ich Verbesserungspotential. Eigentlich sollte die Kolonne von nicht weniger als 17 Fahrzeugen von Polizisten auf Motorrädern eskortiert werden, dann bekommt’s einen filmreifen Charakter. Daran hätte man auch vorher denken können.

Manche Passanten winkten, manche machten seltsame Handzeichen und wieder andere machten obszöne Gesten. Warum fährt der Chauffeur auch so lahmarschig daher, genug Dampf ist doch auf dem Kessel und das Blumenbukett von der Haube ist eh schon auf und davon. Man weiß gar nicht mehr, ob die folgenden Fahrzeuge wegen der Hochzeit und der damit verbundenen Freude hupen oder weil unsere Karre nicht vom Fleck zu kommen scheint. Die Braut winkt den Leuten zu, wie damals Hape Kerkeling, als er Königin Beatrix nachmachte. Ihr Gesicht signalisiert Freude und die Gewissheit, dass dieser Tag einzigartig bleibt und in ihrem Gedächtnis eine Art Ehrenplatz erhält. Das Gesicht des Bräutigams hingegen wirkt ein wenig verkrampfter und signalisiert, dass er dringend ein Klo aufsuchen möchte. Ein Ehrenplatz ist nicht erforderlich, ein ordinäres Pinkelbecken reicht völlig.

Hoffentlich steht der Fotograf draußen und macht Bilder vom Ankommen des Brautpaares. Entweder hat sich der Fotograf als Mülltonne getarnt oder ich sehe ihn nicht. „Nein“ sagte die Braut, „wir haben keinen Fotografen bestellt, wir machen selbst Bilder!“ „Aha“, meinte ich, „na dann…“. Aus den anderen Autos stürmten alle nach vorn und zückten das Fotohandy. Jeder rief jedem zu: „Sende mir deins mal auf mein Handy!“ „Sag Nummer!“ Ein Wollknäuel an Handynummern flog durch die Luft und dass tatsächlich Bilder versendet wurden und auch ankamen, blieb mir ein ewiges Rätsel.

Das Lokal besaß einen kleinen Saal und der war eigens angemietet worden. Getränke standen auf den Tischen, wie auch Namensschilder. Nach den Getränken griff man sofort, nach den Namensschildern richtete sich so gut wie niemand. Das Brautpaar saß am Kopf der Tafel und der Rest der Meute bildete dieselben Cliquen wie in freier Natur. Die Trauzeugen saßen in der Nähe der Brauteltern und die spielten „Reise nach Jerusalem“. Musik erklang und das Brautpaar stieß mit Sekt an, begab sich zur Mitte der Tafel und eröffnete den Abend mit dem ersten Tanz. Endlich fragte nun niemand mehr, wo die Tanzfläche sei.

agfamatic_pocket_4008Als die Großmutter der Braut das „kleine Schwarze“ aus ihrer unübersehbar großen Handtasche kramte und es wieder und wieder hin- und herdrehte, wollte jeder wissen was sie da machte. Sie suche nach diesem Display, meinte sie lapidar. In der Hand hielt sie eine Ritsch-Ratsch-Kamera früherer Tage und die besaßen noch kein Display, auf denen sich eben erst geschossene Aufnahmen bewundern ließen. Es war eh ein wenig nervig mit den Modellen früherer Epochen, aber seinerzeit galt es als normal.

Ein Film musste eingelegt werden, wenn es dann endlich der richtige war, denn Film war nicht gleich Film. Ist es dunkel, ist es hell, wird mit Blitzlicht gearbeitet oder mit dem Licht der Sonne, bitte Lächeln und Luft anhalten, am besten man fotografiert gleich einen Berg, der hält still. Oma war von ihrem Pocket-Model begeistert. Allerdings niemand sonst. Früher musste man den Film abgeben und wartete gespannt auf die Resultate. Heutzutage kontrolliert man gleich nach der Aufnahme auf dem Display, ob’s was geworden ist oder ob es gelöscht werden kann. Oma hat mit ihrem Handy auch noch nie fotografiert, sie benutzt es ausnahmslos zum telefonieren.

Plötzlich war die Braut weg. Die Entführung der Braut ist ein fragmentarisches Relikt aus der Zeit, als der Bräutigam ebenfalls entführt wurde und die Entführung eine glanzvolle Inszenierung der Brautleute selbst war, um der aktiven Dekadenz der Feierlichkeiten zu entfliehen. Manche Traditionen kommen mit starken oder gar personellen Einbußen daher. Die Braut wurde schnell gefunden, sie hockte im Getränkekeller des Lokals und war über die Errettung so erfreut, wie ein Patient, dessen Backenzahn als Plagegeist entfernt wurde. Die potenziellen Entführer trugen keine Masken und keine Handschuhe. Bilder wurden von diesem Schreckenszenario auch keine gemacht. Stümper eben.

Afgamatic Pocket 4008 mit freundlicher Genehmigung:
Bildquelle und ©: http://www.kameramuseum.de/0-fotokameras/agfa/pockets/agfa-4008-telepocket.jpg

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