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Wenn Besuch kommt

Wenn Besuch kommtDer Tag beginnt völlig unbeschwert und das Klingeln des Telefons beeinträchtigt nicht die Ruhe und Gelassenheit des Vormittags. Das Gespräch wird entgegengenommen und erst jetzt nimmt das Drama Anlauf. „Hallo, wer ist da…?“ Irgendwie kommt mir die Stimme bekannt vor, aber sie lässt sich spontan keinem Gesicht zuordnen. Die Person nennt mich beim Vornamen und scheint mich zu kennen. Verwandte, Bekannte, Freunde…? Eine ausgiebige Datensuche auf dem Massenspeicher beginnt. Grübeln nennt es der Volksmund. Kein Ergebnis. Null Treffer.

Gottlob steht die Person nicht wahrhaftig da, sondern befindet sich am anderen Ende der Leitung. Dass alleine nennt man Glück, denn nun kann geheuchelt werden, was das Zeug hält. „Ach du bist es“ starte ich „na klar weiß ich, wer dran ist, du machst mir vielleicht Spaß.“ Nicht eine Sekunde hat dieser Langeweiler samt seiner Bagage Spaß verbreitet. Der Grund, warum jeder Verwandte mindestens 400 Kilometer entfernt wohnt, hat also seinen Sinn.

„Ach“ geht es weiter „du willst zu Besuch kommen, na da freuen wir uns aber… nein nein, bring die Kinder ruhig mit… wir mögen Kinder…“ Die Freude entspricht ungefähr der, wie sie bei einer Darmspiegelung entsteht. „Und wann wollt ihr kommen? Morgen schon, na toll!“ Das war’s. Mehr kann man einem Vormittag nicht zumuten. Diese kurzfristigen, überfallartigen Dispositionen liegen schwer im Magen. Anständigerweise könnte man sich doch mindestens ein Jahr im Voraus ankündigen. Dann besäße der zu Besuchende ausreichend Zeit sich vorzubereiten. Vielleicht will man noch etwas einkaufen, sich verstecken, die Klingel abmontieren, 3 Wochen Urlaub im Schwarzwald verbringen oder gänzlich auswandern.

Jemanden am nächsten Tag zu besuchen, klingt – nach meinem Empfinden – fast schon wie eine Drohung und kommt einer Kriegserklärung verdammt nahe.

Auch hätte ich erfragen können, wann exakt mit dem Eintreffen zu rechnen ist. Aber nein, nun blockiert man sich selbst. Kaum sitzt man auf dem stillen Örtchen, überkommt einen diese innere Eile, denn schließlich könnte es jeden Augenblick an der Türe läuten und diese mit gefallener Hose zu öffnen, macht selbst unter Verwandten keinen guten Eindruck. Umstände eben, die der Verdauung im Allgemeinen nicht zuträglich sind und ein nervöser Magen ist und bleibt ein nervöser Magen.

Man martert sein Hirn und will erfahren: Was könnten sie wollen und wieso zum Henker, besitzen sie die Telefonnummer noch. Dahinter steckt Absicht, da bin ich mir sicher. Da steckt mehr dahinter, als man im ersten Moment vermutet. Ich meine sogar, ihn während des Gesprächs so fürchterlich gewinnend grinsend empfunden zu haben und in solchen Dingen bin ich sehr sensitiv veranlagt, sagt mein Therapeut. Auch diese Ungewissheit, ob sie mit dem eigenen Wagen oder ob sie mit der Bahn kommen und die letzten Meter hierher mit dem Taxi oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen, treibt mich in den Wahnsinn. Nach was soll man hinter der Gardine Ausschau halten, wie soll man sich angesichts dessen vorbereiten?!

Unsicherheit umgibt mich. Schwach, blass und völlig ausgemergelt fühle ich mich und irgendwie der Situation unterlegen.

Der Rest des Tages zieht an mir vorüber, wie ein nach Süden fliegender Vogelschwarm. Am kommenden Morgen erwache ich und beim zweiten Wimpernschlag realisiere ich, dass dieser Tag anders sein wird. Der angekündigte Besuch kommt. Das wirft eine Menge Gewohnheiten aus dem Gleis. Mein innerer Fragekatalog buhlt um Beachtung: Stehen ausreichend Sitzmöglichkeiten zur Verfügung? Befinden sich genügend Getränke im Kühlschrank? Selbstverständlich denkt man auch an die Kinder. Was zum Henker trinken diese Blagen? Mineralwasser, Cola, Limo, Wodka? Ich bin hoffnungslos altmodisch und würde Kakao anbieten. Kekse nicht vergessen. Trockenes Gebäck verleitet zum Zugreifen und forciert gleichsam einen geschlossenen Mund, allein der Krümel wegen. Es unterbindet auch dieses leidige Gequassel aus der Zeit, als wir noch Kinder waren und stets mit dem Satz endet „… und so lange kennen wir uns schon!“. Ich weiß, es klingt eher wie ein Vorwurf.

Die Kinder kann ich bei gutem Wetter in den Garten schicken. Vielleicht halten sie den Rasenmäher für ein neumodisches Spielzeug und probieren ihn aus.

Aber womit wird man sie wieder los? Dia-Vortrag, Briefmarkensammlung, Bilderalben, Keuchhusten, ansteckende Geschlechtskrankheiten? Ich bin zu schwach, zu ehrlich, zu uneigennützig dafür. Nachher wird noch schlecht über mich gesprochen und das kann ich nicht riskieren. Man soll sich bei mir wie zuhause fühlen. Ok, nicht ganz, aber wohlfühlen soll man sich, wenn auch nur für eine geraume Zeit, ähnlich wie in einem Wartehäuschen an der Straßenbahn. Überschaubar, allerseits zugänglich, transparent aber trocken und dem Bewusstsein, dass man sich dort nicht niederlassen will.

Geräusche dringen an mein Ohr, sie kommen. Papa, Mama und fünf Kinder. Früher nannte man es Völkerwanderung und selbst bei verschlossener Türe drängt sich der Verdacht auf, es stünde die komplette Kavallerie davor. Es klingelt. Gottlob sitze ich just nicht auf dem Klo. Die Türe jetzt umgehend zu öffnen ließe den Schluss zu, ich hätte hinter ihr gestanden, also zähle ich langsam „einundzwanzig, zweiundzwanzig…“ Türe auf und „Hui, da seid ihr ja… na, gut angekommen?“ Es ist erstaunlich, welchen Unsinn man verzapft. Wären sie nicht gut angekommen, hätte man in den Nachrichten von einem Unglück berichtet oder die Klinik hätte schon angerufen. Strahlende Gesichter schauen mich an. Es könnte etwas bedeuten, oder?! „Kommt erstmal rein. Die Toilette ist gleich hier vorne rechts.“ Ich denke es ist besser, offen darüber zu sprechen, denn nach einer so langen Reise tut es oft Not.

„Jacken und Mäntel hier an die Garderobe, bitte“ Es ist Hochsommer und kein Mensch zieht eine Jacke, geschweige einen Mantel an. Was rede ich für einen dusseligen Kram daher. Aber ich mag es nicht, wenn im Wohnzimmer Jacken oder Mäntel über die Lehnen gehangen werden, wie die Pferdedecken der Cowboys im Stall. „Immer geradeaus“ dirigiere ich die Kompanie „im Wohnzimmer ist genug Platz zum Sitzen.“

Zwei der Kinder stehen tänzelnd auf dem Flur und warten ungeduldig, bis sie dran sind, denn ein weiteres Kind befindet sich schon im Bad. Die lange Reise drückt offensichtlich auf die Blase. Dass sich im ersten Stock ein weiteres Bad befindet, hatte ich glatt vergessen zu erwähnen. Manchmal entpuppt sich temporäre Vergesslichkeit als gelungene Vorlage für einen Schabernack und die Bodenfliesen sollen laut Herstellerangabe farbstabil, nachkaufbar und wasserfest sein.

Und dann sitze ich auch schon inmitten der Runde und stelle die entscheidende Frage: „Na – wie geht’s euch?“ Ich bin fest davon überzeugt, dass binnen der letzten 20.000 Jahre niemand eine verwertbare Antwort auf diese Äußerung gab. Womöglich wurde mit diesem nervigen Satzgebilde der Grundstein für rhetorische Fragen gelegt. Scheinheilig in meiner Freundlichkeit fahre ich fort: „Möchte jemand etwas trinken oder einen Keks? Ach was rede ich, die Küche ist da vorne und Kekse stehen auf dem Tisch. Wer etwas möchte, kann es sich selbst holen, schließlich sind wir alle alt genug.“ Mit dieser sowohl bühnenreifen, als auch heuchlerisch einwandfreien Darbietung an vorgetäuschter Freigiebig- und Großzügigkeit, entledigte ich mich aller gastgeberischen Aufgaben für die Dauer des gesamten Aufenthalts auf einen Streich. Genial – dachte ich zunächst. Plötzlich entstand so etwas wie Aufbruchstimmung. Alles was Beine hatte bewegte sich in Richtung Küche. Selbst die Blasenentleerer standen schon wieder Schlange, wenn auch diesmal am Kühlschrank. „Wo sind denn die Gläser?“ drang es zu mir und ich hätte mich züchtigen können, gehörten doch die Gläser umgedreht auf den Tisch, um dieser Frage potentiell entgegenzuwirken. „Im Hängeschrank direkt über der Spülmaschine“ brüllte ich.

„Und wo ist die Spülmaschine?“ hörte ich eine andere Stimme. „Moment, ich komme schon!“ Genau das wollte ich vermeiden. Mich zum Kellner, zum Diener, zum Lakaien und zum Affen machen zu lassen. Mit dem Charme eines Scharfrichters sagte ich: „Da ist die Spülmaschine und hier oben sind die Gläser drin!“ Dann erklang ein Satz und er kam der Glocke beim Boxen gleich: „Hättest du die gleich auf den Tisch gestellt…“ Ich musste aus dem Zimmer, sonst riskierte ich eine Anklage wegen Körperverletzung. Tief durchatmen, suggerierte ich mir im Wohnzimmer, tief durchatmen.

Die Kolonne traf im Gänsemarsch auch wieder im Wohnzimmer ein und hinterließ auf dem Boden Beweise dafür, dass es Sinn macht, wenn der „Kaffee to go“ einen Deckel besitzt. „Nee lass mal, ich wisch das später weg“ flötete ich, denn außer mir waren keinem die Malheure aufgefallen. Erst jetzt entstand bei den Verursachern ballettartiges Kopfschütteln, welches eine Art von Bedauern signalisieren könnte. Aber vielleicht war dieser Anschlag geplant und der Schlüssel der eingangs schon grinsenden Gesichter. Nach ausgiebigen und zum x-ten mal durchgekaute Szenen früherer Zusammentreffen, bahnte sich die Zeit des Mittags an. Zu essen war nichts vorbereitet. Absichtlich. Ich bin kein Restaurant. Wem steht nachher der Abwasch zu? Der Spülmaschine, genau. Aber die muss ein- und ausgeräumt werden und das nimmt Zeit in Anspruch. Zeit, die ich für diese Personen nicht aufbringen will. Maximal könnte man sich Pizza bestellen, aber das ist bloß ein Gedanke. Ein anderer Gedanke flog mich an und förderte zutage, dass gewisse Menschen nach der Zunahme gewisser Speisen zu gewissen Tageszeiten gewisse Körperhaltungen einnehmen. Oder anders gesagt, Mittagsschlaf. Und dann ist das Chaos komplett, wenn die ganze Bande faul rumliegt, wie unter Narkose.

Also – und die Parole erging nur an mich – wird das Thema Mittagessen weiträumig umfahren. Alternativ stieß ich Themen wie Entschlacken, Übergewicht und BMI an. Besonders bei den Kindern traf ich den Nagel so überhaupt nicht auf Anhieb, geschweige auf den Kopf. Unverständnis fiel in meinem Gesicht ein, wie die GSG9 bei einer Übung.

Vielleicht frage ich mal nach den Zeiten, die für den Heimweg eingeplant sind. Manchmal wird diese Fürsorge mutwillig falsch interpretiert und als Rauswurf betrachtet. Ja, manchen Leuten kann man nichts verheimlichen. Ich musste feststellen, dass sich sämtliche Personen ohne mein Dazutun vergnüglich unterhielten. Irgendwie fühlte ich mich plötzlich als Eindringling und Störenfried in den eigenen vier Wänden. Ich räusperte mich. Keine Reaktion. Ich stand auf und setzte mich gleich wieder. Keine Reaktion. Ich ging ins Bad, um den Raum demonstrativ zu verlassen, stand dort drei Millimeter vor einem Tobsuchtsanfall, als ich feststellen durfte, dass entweder einer der Knirpse oder alle kräftig daneben gepinkelt haben und ich es aufwischen durfte, denn die Eltern waren noch nicht hier. Deren Blase scheint das Fassungsvermögen eines öffentlichen Schwimmbads zu haben.

Als ich das Wohnzimmer wieder betrat, stellte ich fest, dass der Aschenbecher, der eigentlich nur zur Dekoration auf dem Tisch steht, ohne Scham benutzt wurde und wie ich weiterhin feststellte, klebte irgendjemand seinen Kaugummi dort hinein. „So“ sagte ich, mit einem befreienden Unterton in der Stimme, „dann werde ich euch mal ein Taxi rufen…“ „Ach lass mal“ hieß es, „die paar Schritte zur Haltestelle gehen wir zu Fuß.“ „Das ändert sich wohl nie“, fügte ich an, „frische Luft tut gut!“ und drückte langsam aber entschlossen die Klinke zum Öffnen der Türe herunter. „Na dann bis zum nächsten Mal, schön dass ihr dagewesen seid, kommt gut nach Hause und ruft an, wenn ihr da seid, also tschüss!“ Es ist erstaunlich, wie gerne man seine Verwandtschaft hat.

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