Sie haben kein Handy?Immer wieder werde ich damit konfrontiert, dass mein Gegenüber voraussetzt, ich besäße ein Handy. Es ist aber nicht der Fall und die Chance, dass es sich jemals ändert, ist extrem gering. „Ich geb’ Ihnen mal meine Mobilnummer…“, beginnen einige Leute ihren Kommunikationskatalog aufzublättern. Und so erstaunt es mich überhaupt nicht, zum 14 millionsten Mal die Frage zu hören: „Was! Sie haben kein Handy?“ Fehlt mir der Kopf? Kann ich ohne Maske in einer Geisterbahn arbeiten? Habe ich drei Arme? Was ist mit den Leuten los? Der eine ist lutev (lutherisch evangelisch) und ein anderer ist römkat (römisch katholisch).

Irgendwie sind die Kategorien vorgegeben und selten entspricht jemand nicht den Vorgaben, welche selbst in Formularen Einzug hielten und dort nur noch angekreuzt werden müssen. Verheiratet oder Einhandruderer. Geschieden ist nicht Single, obwohl man wieder Single-Partys besuchen könnte. Man bleibt so lange geschieden, bis man wieder das tut, was das ursprüngliche Motiv für die Scheidung war. Hätte ein Handy die Lage klären können? Der Entschluss keines zu besitzen, ließe sich somit begründen. Demnach gibt es „Handy? Ja!“ und „Handy? Nein!“ Typen?

Theorie und Praxis…

Mann oder Frau, Vegetarier oder Vollkostverdauer. Überall akzeptiert man eine existente Alternative. „Was machen Sie bei einem Unfall in den Bergen? Wie wollen Sie Hilfe herbeirufen?“ Das sind die Fragen, welche eine Verbalkommunikation grundsätzlich überflüssig erscheinen lässt und die Abschaffung der Prügelstrafe anzweifelt. „Mich treibts nicht in die Berge, ich sitze lieber auf der Couch und schaue Frau Salesch bei der Arbeit zu…“ „Und bei einem Autounfall..?“ „Ich fahre selten Auto! Ich besitze nur eines, damit man nicht unentwegt über das Nummernschild stolpert…“ „Und wenn die Kinder mal anrufen, Sie haben doch Kinder?“ „Denen wurde Schreiben gelehrt.“ Besäße man jetzt auch noch keine Kinder, wäre die Situation als brenzlich einzustufen.

Nach einigem Nachdenken kommt das Gefühl hoch, dass man nur Leute aus den abgelegensten Winkeln der Alpen kennt, die permanent in Autounfälle verwickelt sind. Wozu ich mir also ein Handy anschaffen soll, steht in den Sternen. Auch diese hingebungsvolle Unterstellung, die sich in der Frage „Sicher haben Sie aber Email?“ versteckt, ist keine Rarität. Auch springt mich immer öfter die Überlegung an, wie es wohl vor der Erfindung des Mobilfunks möglich war, Geschäfte einzufädeln. Manche Leute bekommen etwas eingepflanzt, ohne das ihr Dasein unmöglich, oder zumindest stark eingeschränkt wäre. Antworten wie „Herzschrittmacher“ oder ein „künstliches Hüftgelenk“ brächten Herrn Jauch zum Nicken und den Kandidaten in den Recall. Wer aber, verlangt als (über)lebensnotwendiges Utensil ein Handy? MacGyver hatte eine atomare Laser-Zwille, aber kein Handy?

Den uralten Sagen und Hollywood-Streifen nach, gaben Indianer Rauchzeichen, die eigentliche Erfindung des Morsens somit. Depeschen wurden zur nächsten Station telegrafiert und Louis Trenker rief noch höchstpersönlich vom Gipfel ins Universum.

Kein Handy zu besitzen ist scheinbar in jeder Form moralisch verwerflich, es macht den Handylosen umgehend verdächtig und man meidet ihn, als ob er (oder sie) eine ansteckende Krankheit besäße, gegen die noch kein Mittel wirkt. Kein Handy zu besitzen ist wahrscheinlich noch anstößiger, als nicht zu rauchen und das ist schon wider die guten Sitten. Wer jetzt noch damit rausrückt, nicht dem Alkohol zu frönen oder kein Kokain zu schnupfen, ist komplett unten durch.

In solchen Fällen ist mit Gesellschaftsverbot nicht unter 20 Jahren zu rechnen und bei einer öffentlichen Auspeitschung muss der Delinquent Besserung geloben und zwar unter Eid. Menschen ohne Handy werden geächtet, aller Würden und Ämter entledigt und mehrfach angespuckt. Das ändert zwar nicht den Sachverhalt, macht aber deutlich, dass es so nicht geht. Die Erreichbarkeit des Bürgers muss zu jeder Zeit gewährleistet sein und nur des guten Willens wegen, darf man sich einen Klingelton selbst aussuchen.

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„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“
Mark Twain (1835-1910), eigentl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller