Mach weiter so

Bleib wie du bistSo? Wie bloß? So wie man isst, soll man bleiben? Wie soll das gehen, wie stellt sich der andere das vor? Es klingt wie eine Formel und man kommt dem Ergebnis nicht auf die Schliche. Viele sagen solche Dinge, die eigentlich Mut machen und motivieren sollen. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Nicht weil man es mutwillig boykottiert, sondern weil die Natur keine Alternative bietet.

Unabhängig davon, ob man eine Frau oder ein Mann ist, man altert und bleibt nicht eine Sekunde so, wie es anderen erforderlich scheint. Schlimmstenfalls brabbeln jene es gedankenlos daher, weil man meint irgendwas, irgendwann zu irgendwem sagen zu müssen.

Es trifft den Gemeinten so, wie die Frage nach dem Allgemeinzustand, auf die der Fragende keine Antwort wünscht und der Angesprochene alles mögliche antwortet, bloß nicht das, was wirklich der Fall ist. Hier erkennt der Fachmann einen Handlungszwang und Zwänge sind per se therapiefähig. Gespräche die nur Töne erzeugen, jedoch keine Information transportieren, sind eine Qual für jeden beteiligten aber man wagt es nicht, sich diesem Gesellschaftsspiel zu verweigern.

Allerdings bleibt man auch nicht so, wie man ist. Man ändert seine Meinungen und Ansichten, man wächst mit verschiedenen Dingen und reift wie eine Frucht. Früher war man Solist, nun ist man Orchestermitglied und die berühmten Orgelpfeifen gesellen sich als frohe Kinderschar um Knie und Hüfte. Dann beginnt irgendwann der Bartwuchs, bei den Damen später. Auch die politische Einstellung samt Überzeugung fliegt über Bord und wird frisch getauft wieder hochgezogen.

Man will niemandem vor den Kopf stoßen und möglichst den Forderungen der Gegenpartei entsprechen, allein schon, um allem Ärger im Vorfeld keine Angriffsfläche zu bieten, aber man kann nicht bleiben wie man ist. Selbst wenn man auf der Stelle tot umfiele, bliebe man nicht so, wie man dann war, denn nun ist wäre man nicht mehr am leben.

Man will aber leben und am Leben teilnehmen, es in vollen Zügen aussaugen und einatmen, es genießen und sich dessen erfreuen, also muss man dem anderen klar machen, dass seine Äußerungen und Wünsche unheilbringend sind. Hätte man früher vielleicht zu einem Glas Milch eingeladen und ein paar Fotos aus Opas Versteck gekramt, so tritt nun ein importierter Malt und die aktuelle Ausgabe des Playboy an die Startlinie.

Man will nie so bleiben, wie man ist.

Auch die Nahrung ändert sich. Nicht nur seitens des Besitzers eines knurrenden Magens, sondern auch seitens der Anbieter. Tiefkühlpizza gegen Hausmannskost, Mansarde gegen Bungalow und Käfer gegen Hummer.

In einigen stillen Momenten sentimentalen Charakters wünscht man sich evtl. wieder zurück in die Kindheit. Die seinerzeitige Geborgenheit und das Gefühl umsorgt zu werden, rückte sich in dieser Form nie wieder ins Bewusstsein. Aber man wuchs an Jahren und Zentimetern, stählte und quälte sich, peinigte und steinigte sich. Wo an manchen Stellen Haare zu wachsen begonnen, fielen an anderen Stellen welche aus. Aus Kindern werden Leute und der Wunsch so zu bleiben wie man ist, wurde gebändigt.

Als Kranker wollte man wieder gesund werden und als Letzter in der Schlange freute man sich, wenn man endlich an die Reihe kam. Eine permanente Bewegung war ständig wahrzunehmen. Selbst nachts, wenn man schläft und ganz still auf dem Rücken liegt, spürt man die Erde pulsieren.

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„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“
Mark Twain (1835-1910), eigentl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller