Fernsehen bildet
Geschrieben von Lutz Spilker in Der tägliche Wahnsinn | Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen
Niemand, außer vielleicht die stets aufmerksamen Herrschaften der GEZ, macht sich die Mühe und schleicht am Wochenende in aller Herrgottsfrühe durch die Gassen, um am Flimmern, welches sich in einigen Fenstern zeigt, erkennt, dass dort schon der Fernseher eingeschaltet wurde.
Eine Garantie ist das keinesfalls fürs frühe Einschalten, vielleicht vergaß man am Vorabend bloß das Gerät auszuschalten. Vielleicht sind die Mieter verstorben, ausgewandert oder protzen gegenüber den Nachbarn gerne mit der Stromrechnung. Vielleicht sitzen aber Kinder davor und halten sich selbst durch diese Zwangsbeschäftigung davon ab, die Eltern ihres wohlverdienten Schlafes zu berauben und nicht schon um 05:00 Uhr zu wecken.
Das will man sonntags nicht haben, da will man ausschlafen und sich von den Strapazen des Alltags, der Schikane des Chefs und der öffentlichen Verkehrsmittel und der Tatsache, nicht zu den Opfern eines ausgewachsenen Burn-Outs zu gehören, erholen. Also studierte man rechtzeitig die Postwurfsendungen der Baumärkte und schnappt zu, wenn man eine dieser Zeitschaltuhren günstig anbietet. Hier schlägt man zu, so etwas wird gerne anschafft.
Die Glotze geht automatisch an und das Flimmern wirkt wie ein Leitstrahl, auf dem die Junioren dann ihren Weg zur Mattscheibe finden und die Senioren in Ruhe lassen.
Nach etwa einem Jahr merken die Kinder allerdings, dass das Testbild kein Film ist und die Märchen – von wegen Fortsetzung, Wiederholung und Déjà vu – dauerhaft und angesichts schulischer Einflüsse nicht länger bestehen können. Das Sandmännchen ist kein Dealer und transportiert tatsächlich nur Sand im Beutel, die Teletubbis stehen in keinem nachweisbaren Verwandtschaftsverhältnis zu Babapappa und Flipper ist nicht der Erfinder der gleichnamigen Münz- und Freizeitdiebe in Spielhallen.
Die Wahrheit ist ein kleiner Teil des Lebens und das allein ist grausam, unerbittlich und schonungslos. Wissen ist Macht und die Industrie lässt nicht zuletzt deshalb ihren Anker sachte auf die Auslegeware der betroffenen Konsumenten in spe plumpsen. Zwischen den abgenudelten Wiederholungen, die in der Prime-Time keinen toten Hering mehr vom Rost zerren, wird Verbraucherinformation zum Spartarif mit gigantischer Depotwirkung eingeblendet.
Hier wird das Auge von heute schon auf die Ratenzahlung von morgen trainiert und klar gestellt, dass es zwar nur einen Highlander, aber gerne drei Streifen an der Hose geben kann.
Markenorientiertes Denken wird also nur darum geschult, damit Mutti und Papi ausschlafen können. Erscheint dann in der Vorankündigung eines Herstellers ein angesagtes Gerät, kann das Kinderzimmer unterdessen vermietet werden, zumal die eigentlichen Bewohner vor dem Laden campieren, der das Teil palettenweise verscheuert.
Wenn die ersten Geräusche aus dem Badezimmer dringen und der Nachwuchs es vernimmt, wird nicht selten der sonntägliche Frühstückstisch gedeckt. Die auf dem Tisch zu entdeckenden Artikel, stellen ein Abbild der TV-Werbung dar und man erkennt sofort, dass der Mensch gelehrig ist. Wenn es doch im Fernsehen gezeigt wurde, kann es nur gut sein. Bei den ganzen Kontrollen, ist doch alles in … Butter oder Margarine, es wird immer wieder heftig diskutiert.
Selbst den Discountern ist dieses Unterfangen nicht verborgen geblieben und man schuf die Eigenmarken der Sorte „klar doch“, „was sonst“ und „nimm’ mich mit“ in der neutralen und jungfräulichen Farbe Weiß. Der Stellenwert des Fernsehens darf per se nicht unterschätzt werden, immerhin war meine Oma der Ansicht, dass die Tagesschau eine offizielle Nachrichtensendung der jeweiligen Regierung war und Herr Karl-Heinz Köpcke so eine Art Regierungssprecher.
Die Inbetriebnahme des WWW erlebten viele ältere Herrschaften nicht mehr.
Zumindest haben PC-Monitore die Form eines Fernsehers und strahlen gewissermaßen dadurch eine Art von Glaubwürdigkeit aus. Das Wort eines Pfarrers auf der Kanzel ist nicht so wegweisend und nicht so beeinflussend, wie eine Fernsehsendung. Niemand spricht von sonntäglichen Straßenfegern und sucht in der Kirche nach Beweisen. Das Fernsehen prägte jedoch diesen Begriff und die Beweise saßen nüsschenknabbernd und nägelkauend vor der Glotze.
Unterhaltungssendungen haben Vorfahrt, denn der Zuschauer will unterhalten werden. Bildungsfernsehen ist für Langweiler, von Langweilern. Irgendwo leben noch ein paar total Verpeilte, dicke Hornbrillen und Frisuren aus den 70ern tragend. Mit Gesundheitssandalen quälen sie sich über die langen Flure der Untergeschosse der staatlich geförderten Abteilungen und bilden sich, ihre Kollegen und wenn sie einen Zuschauer erwischen, bilden sie den auch … aus.
Ausbildungsplätze sind gefragt, warum also nicht mal zum Fernsehen gehen?
Als was? Diese Frage wird die Antwort sein, denn Bildung ist kaum noch gefragt. Ob das Medium Fernsehen als Bildungsstifter oder das WWW herhalten sollte, spielt keine Rolle. Man orientiert sich völlig anders. Mal sind Sportler die Idole, mal sind es Musiker, mal ist es die Dämlichkeit einer Blonden, einer Brünetten oder einer mit Glatze, mal will man die Tochter oder der Sohn eines so-und-so sein und mal der Hund in der Handtasche. Alle sind besser dran, allen geht es besser, alle sind berühmt und selbst wenn man nichts kann, stellt man sich als Dumm-Dumm-Geschoß auf die Bühne einer Talentshow.
Irgendein Dödel wird dich entdecken und hat Großes mit dir vor. Und wenn du dann berühmt, wichtig, vollbusig, blond, unrasiert, heiser oder weiß-der-Geier-was bist, sagst du zu deinen Fans: „Siehste, ich hab’s doch immer gesagt, Fernsehen bildet…“
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