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Mehr als genug

Mehr als genugEs war Anfang der 90er Jahre, als ich einen älteren Mann kennenlernte, der seines Dialektes wegen, seine Herkunft verriet; er stammte aus den neuen Bundesländern, also aus der damaligen DDR. Er wäre zum allerersten Mal überhaupt außerhalb dieser Grenzen und das, so berichtete er mir, hätte seinen Grund. Auch sein Begrüßungsgeld hätte er nie abgeholt, sagte er, denn er hätte der Höflichkeit halber „Danke!“ sagen müssen. Aber wem und wofür bloß?

Er war kein Querkopf oder Rebell, er war ein Mann wie unzählige andere auch, die sich nicht von einer Oberfläche täuschen lassen, nur weil diese glänzt. „Die Grenzen zur DDR öffneten sich 1989 für alle, also meinten die Meisten, sie müssen sich den ’Goldenen Westen’ anschauen.“ Ich hing sehr gespannt an seinen Lippen und hatte nicht zu einer Sekunde das Gefühl, dieser Mann wolle mich mit partei-politischem Gesabbel bekleckern. Die Verwandten und die sonstigen Besucher aus dem Westen rochen stets so eigentümlich und benahmen sich anders, sagte er.

Von Früchten und seltsamen Gewächsen berichteten sie, deren Namen kaum jemand kennt, aber es sie rund ums Jahr zu kaufen gäbe. Erdbeeren im Winter und Bananen betrachtet niemand als besonderes Obst, Vielleicht der Form wegen, aber ansonsten stellt sie keine Ausnahme dar. Kaufhäuser und Lebensmittelmärkte wurden seitens der ehemaligen DDR-Bürger zuerst inspiziert. Ob das auch alles stimmt, was die Verwandtschaft so zu erzählen hatte?

„Und dann“ so schilderte der Mann weiter „kamen sie wieder nach Hause, sahen ihre Umgebung und das Angebot in den Supermärkten. Traurig waren sie, nicht glücklich“ fuhr er fort. Darum, so gestand er mir, wäre er seinerzeit nicht sofort ’rüber. Er wollte nicht traurig werden. Er wollte nicht im Überfluss leben und sich nicht bewusst machen, dass es tatsächlich so ist. „Im Westen“ sagte er mit etwas forscherer Stimme „geht es den Leuten nicht nur gut, es geht ihnen viel zu gut!“ ergänzte er.

Und zu Ostern steigen die Benzinpreise. Jedes Jahr aufs Neue, als ob man den Kalender danach stellen könnte. Von geheimen Absprachen ist die Rede, als ob der Blick zum Kalender ein Geheimnis wäre. Die PKW’s der heutigen Zeit fahren mit einem Liter Sprit erheblich weiter, als ein KFZ früherer Bauweise. Gemessen an den heutigen Löhnen bzw. Gehältern, müsste Benzin erheblich teurer sein, um sich dem allgemeinen Preisniveau anzupassen.

Die Mineralölfirmen seien Abzocker? An den Tankstellen motzen Autofahrer über die Benzinpreise? Irgendwann begriff ich, was der Mann aus der ehemaligen DDR meinte.

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