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M 109 G - Bei der Bundeswehr IEigentlich sollte ich Fahrer werden, doch der Sehtest fiel nicht dementsprechend aus und man machte aus mir einen Kanonier. Selbstverständlich muss es die Bundeswehr geben, sagen die einen. Aber zu diesen gehörte ich nie. Mich sprach das alles nicht an und die unentwegte Rede vom Feind kam mir an jedem neuen Tag ein wenig lächerlicher vor. Zunächst drängte sich ein Haufen junger Männer in einen Zug nach Munster.

Irgendwann kamen wir dort an und die meisten meiner Mitstreiter waren völlig betrunken. Gesungen wurde auch. Zwar nicht schön, aber dafür sehr laut. In Munster war ich falsch, das sollte sich noch zeigen. Man fand meine Papiere nicht, ich rannte ca. 2 Wochen in Zivil herum und ohne die besagten Papiere konnte ich nicht eingekleidet werden. Auch machte ich keinerlei Dienst mit, denn in ziviler Garderobe ist man schließlich nicht getarnt.

Dann tauchten plötzlich diese Papiere auf und nun ging es nach Hamburg, denn nach Munster sollte ich wie erwähnt gar nicht. In Hamburg traf ich also „mit Verspätung“ ein, wurde mit bundeswehrtypischem Dress ausgestattet und nahm an der Ausbildung zum Kanonier aktiv teil. Mir wurde sehr schnell bewusst, dass das, was in den Vorschriften stand, auch nur Buchstaben waren und keinesfalls praktisch umgesetzt wurde. Als „Schütze Arsch“ ist man zwar Soldat, aber kein General. Ein General ist jedoch auch „nur“ ein Soldat und für alle Soldaten gelten die Vorschriften gleich. Jedenfalls auf dem Papier.

Nach der Grundausbildung verbrachte ich den Rest meiner Zeit in Lüneburg. Ich war „W15er“ und wurde 1975 eingezogen, wie es heißt. Meine „Karriere“ endete als Gefreiter. Ehrlich gesagt war es mir egal. Jedenfalls hörte ich immer wieder die Stimmen meiner Kameraden posaunen, die sich gegen das Treiben und Geschehen auflehnten. Zumindest in Worten. Aber kaum kannten sie den Weg in diesen Krims-Krams-Laden, deckten sie sich mit allerlei Firlefanz ein.

Ganz wichtig war ein Maßband in einem Plastikkorken. Das Maßband lugte heraus und wurde jeden Tag um einen Zentimeter gekürzt. Jedem „Krummfinger“ hielt man das Teil unter die Nase. Die Neuankömmlinge besaßen krumme Finger vom Koffertragen, also nannte man sie Krummfinger.

Bei den Übungen im Gelände ballerten meine Kameraden los wie die Pistoleros. Ich nicht. Ich feuerte nur einmal ab, mehr wurde nicht verlangt. Meine Zurückhaltung bewies sich als klug, weil meine Waffe ruck-zuck gereinigt war. Die „Cowboys“ taten sich ein wenig schwerer damit. Das Wort Biwak kam nie über meine Lippen. In Zelten und im Wald zu übernachten, war irgendwie nicht mein Ding. Während die Unteroffiziere in festen Unterkünften die Füße an den Ofen schoben, schlotterte das „Fußvolk“ im Wigwam.

Auch die Einnahme der Mahlzeiten im Gelände hatte so ihre Eigenheiten. Das ganze Gedöns muss letztlich wieder auf Hochglanz poliert werden und das ist verzichtbar. Erheblich praktischer erwies sich ein Teller aus Plastik. Das Ding war farbtechnisch nicht ganz so getarnt, ließ sich aber erheblich freundlicher reinigen.

Was mir ohnehin nie in den Kopf wollte, ist die bis zur Selbstaufgabe führende Unterwürfigkeit. Besonders bei der Durchführung des Dienstplanes machte sich diese eigenwillige Einstellung bemerkbar. Da stand etwas auf Papier, also wird’s gemacht. Nicht denken, einfach machen. Da machte ich nicht mit. Draußen goss es aus Eimern, auf dem Dienstplan stand TD.

TD bedeutet technischer Dienst. Das wiederum bedeutet: man trabt in den technischen Bereich und bringt sein Gerät auf Vordermann. Dazu gehört auch eine ordentliche Reinigung. Bei strömendem Regen? Wäscht hier nicht Mutter Natur das Gröbste? Quatsch. Nicht bei der Bundeswehr. Hier steht es auf dem Dienstplan und das ist zu tun. Mir wollte das nicht in den Kopf und ich teilte unserem Oberfeldwebel meinen Entschluss mit, nicht an diesem (für meine Begriffe…) Unsinn teilzunehmen. Dieser Entschluss wurde akzeptiert, kostete mich allerdings 100,- Mark, denn es wurde ein Diszi (Disziplinarstrafe).

Eines wurde mir bei der Bundeswehr schnell klar: stell keine Fragen und verhalte dich unauffällig. Ich erinnere mich an eine Begebenheit, als wir mit etlichen Leuten Kameraden zum ersten mal um unsere Panzerhaubitze M109G* standen, und uns das Teil (Panzerhaubitze M 109 G) näher gebracht wurde. Es wiegt soundso viel, kann auf der Straße diese und im Gelände jene Geschwindigkeit erreichen. Das *G steht für Germany, weil ein deutsches Waffensystem eingebaut wurde. Die Haubitze kann soundso weit schießen und der Spritverbrauch ist gewaltig. Der Motor leistet soundso viel PS und besitzt 8 Zylinder Aha.

„Hat noch jemand eine Frage?“ „Ja – ich. Wie viel Kubikzentimeter hat die Maschine?“ Das hätte ich nicht fragen sollen. Der Oberfeld schaute seine Uffze (Unteroffiziere) an und die schauten nach der Antwort den Boden ab. Ich kannte das Bild aus den Asterix-Comics. Die römische Legionäre schauten auch immer so deppert drein. Ich bekam jedenfalls keine Antwort und das vor all meinen Kameraden. Ich wollte es gar nicht wissen, es war bloß ein Verhaltenstest.

Man wählte mich zum Vertrauensmann und ich bekam eine Sondergenehmigung zum Einsehen und Ausleihen von Vorschriften der Vorschriftenstelle. Das war gut. Endlich wusste ich, was tatsächlich in den Büchern stand und ich kam mir vor wie Luther. Ich las so ziemlich alles durch und machte aus mir einen wandelnden Info-Stand. Damit schuf ich jedenfalls den Status mir nicht irgendeinen „Müll“ zu erzählen.

Bildquelle: HIER

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