Erziehungsanstalt – Rengshausen IIDie Heiminsassen stammten aus allen Teilen der Republik. Jeder sprach in seiner Mundart und das faszinierte mich. Damals begann ich damit, alle diese Dialekte zu lernen. Besonders die speziellen Begriffe und Redewendungen gewisser Regionen, stellten sich als unverwechselbar und überaus authentisch dar. Es blieb bis zum heutigen Tage so. Aber das diente mir lediglich zu meiner persönlichen Unterhaltung. Erheblich wichtiger war es, dass ich mich in irgendeiner Form etablierte.

Etwas in mir sagte: du bleibst hier länger, also schau, dass du eine Basis besitzt. Es sollte so kommen. Der damalige Gruppensprecher wurde mit Gesellenbrief in der Hand entlassen und seine Position war somit vakant. Ich stellte mich der Wahl und übernahm den Posten als Gruppensprecher. Um den Geschehnissen etwas vorzugreifen kann ich sagen, dass ich diese Position bis zum Ausscheiden aus dem Heim inne hatte und später auch die des Heimsprechers.

Aber bis dahin sollten noch viele Tage vergehen. Der Tagesablauf gestaltete sich denkbar einfach. Früh morgens wurde man geweckt oder wurde durch das Aufschließen der Türe zur Gruppe wach. Waschraum, frühstücken im Essensaal und anschließend zur Morgenandacht, wobei die Teilnahme dazu freiwillig war. Nach dieser Andacht versammelten sich alle in diesem Raum, hörten sich mehr oder minder Neuigkeiten und Beschlüsse an und verteilten sich anschließend auf die heimeigenen Werkstätten.

Die Mahlzeiten für unser Haus wurden herbeigeholt, es lag nicht im Gebäude der Küche. Dazu standen 2 Leute parat, die bei jedem Wetter das Essen in großen Behältnissen daherschleppten, egal welche Jahreszeit im Kalender stand. Diese Aufgabe wurde im wechselnden Turnus erledigt. Anhand eines Wochentags wusste man zu 99% was sich später auf dem Teller befand. Der Essensaal befand sich auf unserer Etage im ersten Stock und die andere, auch in diesem Haus befindliche Gruppe kam dazu.

Der hintere Bereich dieses Saales diente als Fernsehraum und war vorrangig abends besetzt. Stühle wurden somit sehr zeitig belegt und wer später kam, musste stehen. „Kippen 18“ tönte es ab und zu und wer dann „20“ sagte, bekam den Kippen. Zwei, drei oder vier Züge waren noch dran, an der Selbstgedrehten. Einerseits war es eine löbliche Geste seitens des Spenders, andererseits war dieser bloß zu bequem die Kippe selbst in einem Aschenbecher auszudrücken. Mit „Kippe 18“ traf man immer ins Schwarze.

Geraucht hatte fast jeder, es gehörte irgendwie dazu. „Aktive“ wie fertige Zigaretten genannt wurden, besaß man so gut wie nie. Seinerzeit kostete eine Schachtel Zigaretten mit 12 Stück eine Mark, die große Packung mit doppeltem Inhalt zwei Mark. Leisten konnte man es sich dennoch nicht. Die kleinen Packungen verschwanden dann irgendwann vom Markt. Alkohol stellte gar kein Problem dar. Ich kannte niemanden, der dieser Sucht erlegen war. Vielmehr zog es einige zu Drogen in Form eines Joints.

Der Sohn eines Werkstattmeisters besaß immer ein kleines Piece. Begriffe wie „Dealer“ oder „dealen“ etc. benutze niemand. Piece war schon cool genug, dennoch niemand das Wort „cool“ verwand. Bestimmte Leute zogen sich das Zeug rein, ich hatte nie Kontakt damit. Ich gehörte nicht zu den Konsumenten, auch das sagte mir eine innere Stimme. Einige benahmen sich dann seltsam, anderen schien der „Stoff“ nichts abzufordern, was sich sichtbar dargestellt hätte. Wieder andere kicherten albern vor sich hin.

Dieses BILD zeigt meinen damaligen Gruppenerzieher.

Ausgang gab es für jene, die einen Ausgangsschein besaßen und zwar in den Händen, weil er vorgezeigt werden musste. Wurde ein Ausgangsschein gesperrt, musste der Dazugehörige auf Ausgang verzichten. Wer ohne Ausgangsschein erwischt wurde, hatte absolut schlechte Karten. Die Formel war recht simpel: Vergehen (welcher Art auch immer) = Ausgangssperre. Das einzig Interessante in der gesamten Umgebung war die Disco, welche man per Schienenbus vom nächsten Ort (den man zu Fuß und pünktlich erreichen musste) aus bestieg.

Wer sich in der Disco zu spät verabschiedete und den Schienenbus verpasste, stand in der Tat dumm rum. Das pünktliche Zurückmelden stand auf dem Spiel und damit der nächste Ausgang. Mit Erreichen eines nächsten Lehrjahres, oder dem Erreichen eines bestimmten Alters, staffelte sich nicht nur der Lehrlingslohn, sondern auch die Ausgangszeiten erweiterten sich zu Gunsten des Betreffenden. Wer sich nicht unterordnen wollte bekam eine Strafe. Wer sich trotz der Strafe nicht zu benehmen wusste, wurde in einen besonderen Raum gesperrt, den ich persönlich nie von innen sah.

Oftmals sind Leute ausgebüchst und abgehauen. „Auf Trebe“ war diese Person und befand sich recht schnell in den Händen der Polizei. Einige brachte man wieder zurück und von anderen hat man nie wieder etwas gehört oder gesehen. Manchmal erschienen neue Gesichter. So wie ich selbst wurden Leute eingeliefert, kamen aus anderen Heimen oder wurden von der Straße aufgelesen. Ein „Neuer“ kam in unsere Gruppe. Er war vorher in einem anderen Heim in Bayern irgendwo. Es war unwichtig.

Er wurde mein neuer Fiffty-Mann. Fiffty-Männer teilen alles. Vorrangig Geld, Limo und andere Sachen, wie z.B. Tabak und Blättchen. Irgendwie machte das Sinn, denn mit einem Fiffty-Mann besaß man zumindest theoretisch doppelt so viel. Aber auch im praktischen Gebrauch stellte sich heraus, dass man tatsächlich länger von allem hatte. Mein neuer Fiffty-Mann kam aus Hannover, wo mein Vater mittlerweile auch wohnte. Allein das aus ein und der selben Stadt stammen, war Basis für eine Solidarität.

Wir gaben ein tolles Team ab. Er war plötzlich und kampflos Heimstärkster und ich, ja ich hatte ein paar zündende Ideen. Er war im dritten Lehrjahr Maler. Darin war er gut. Zusammen waren wir besser. „Master & Disaster“ sozusagen. Wir taten etwas strengstens Verbotenes. Wir verliehen Geld.

Bildquelle: HIER

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4 Antworten zu “Erziehungsanstalt – Rengshausen II”
  1. Erich Wolf sagt:

    Nanu…..kann das denn wirklich sein? Ich glaube nämlich das ich dich kenne:
    Mein Name: Erich Wolf
    Im Beiserhaus von 1967/68 – 1971
    Gruppen Erzieher: Bernd? Hudel

    und wenn du immer noch von der Schauspielerin, na wie hieß die noch ??….., Gilla von Weitershausen schwärms´t , stundenlaaaaang am Haar rumfönen und fummeln tust, dann haben wir sogar zusammen am Tisch gesessen. Obere Gruppe, Essraum/
    1. grosser Tisch links.
    Vielleicht noch eine Gedächtnisstütze:
    Habe seinerzeit als erster Heim-Insasse meine Schlosserlehre außerhalb der Anstalt machen dürfen. (Fa. Nöding – Ersrode)

    Mein Zimmer: 1.Stock / letztes Zimmer rechts/ Bett oben beim Fenster.
    mail E-Wolf-Kroev@T-online.de

    Würde mich sehr freuen mal was von Dir zu hören. Ach ja….Du warst ein erbärmlicher Fussballspieler…Grins

    Mit besten Grüssen von der Mittel-Mosel Erich Wolf

  2. Lutz Spilker sagt:

    Hallo Erich,

    aber ja, ich habe noch ein altes Foto, auf dem du drauf bist.
    Gitarrespielend in der Schlosserei zu einer dieser Jahresfeiern.

    ///
    Gruppen Erzieher: Bernd? Hudel
    ///
    Der “Bernd” hieß Helmut und ja, Fußball ist absolut nicht mein Ding.

    lG
    Lutz

  3. Erich Wolf sagt:

    Hallo Lutz,
    ab und zu ist das alte Gedächtniss ja doch noch in Ordnung.
    Habe mich riesig über die Antwort gefreut….endlich mal einer aus der Vergangenheit.
    Bin schon eine ganze Weile an der Aufarbeitung aber scheinbar sind wir zwei die rühmliche Ausnahme, die auch das NET benutzen. (Aus unserer Generation).
    Bin inzwischen 58 Jahre alt, Verheiratet seit über 31 Jahre und habe 3 kinder-die alle schon nicht mehr zuhause Wohnen und fest im Leben stehen.
    Frage: Hast Du schon mal versucht, Akteneinsicht zu bekommen?
    Würde mich wirklich Interrisieren.
    So, das war es erstmal…..nächstes mal mehr, vielleicht können wir mal telefonieren?
    Meine Nr. 06541 – 1331 oder selbe VW 816943 (länger klingeln lassen!!!)

    LG Erich

    PS.: Würdest Du mir mal Deine Email Adresse zu kommen lassen???

  4. Lutz Spilker sagt:

    Hallo Erich,

    hm, ob wir die beiden einzigen „Forscher“ in Sachen Rengshausen, bzw. Erziehungsanstalt (klingt immer wieder erschreckender, als man meint…) sind, kann ich nicht sagen.

    Ende der Achtziger habe ich Herrn Hudel (und Frau) einmal besucht, weil ich beruflich in der Nähe zu tun hatte. Es war gerade günstig. Das wars; keinerlei Kontakt zu niemandem, eigenartig. Meine Akten will ich nicht einsehen, das Leben hatte sich nicht daran gehalten, unabhängig meines Wissens des Inhalts, fürchte ich. Viele „Damalige“ wollen nicht über ihre „fürchterlich düstere“ Vergangenheit sprechen und machen einen deutlichen Bogen um die Sache.

    Viele Namen und Bilder habe ich, teils im Kopf, teils als Foto. Alle paar Wochen schaue ich mal den Socials (WKW, Facebook, etc.) nach, ob ich evtl. gefunden wurde. Bisher eher weniger, eigentlich gar nicht. Darum schrieb ich diese Erinnerungen nieder, gemeldet hat sich bisher nur du. Ich weiß, das Netz ist groß und mich zu finden ist nicht die tägliche Aufgabe.

    Schön, dass du hierher gefunden hast und mit Klarnamen schriebst, sonst wäre ich bestimmt noch am grübeln.

    Beste Grüße an Frau und Kind/er
    Lutz

    Und ganz lieben Dank für das interessante Telefonat mit dir!

  5.  
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„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“
Mark Twain (1835-1910), eigentl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller
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