Kurz vor meinem 15. Geburtstag (im Januar 1970) traf ich in Rengshausen ein. Mittlerweile nennt sich die Gegend anders und selbst das damalige „Burschenheim Beiserhaus“ bekam einen anderen Namen. Dort sollten fast 3 Jahre meines Lebens passieren. Die Gepflogenheiten waren mir fremd und auch div. Begriffe musste ich mir zunächst erklären lassen. Was ist ein „Fiffty-Mann“ und wann und wie bekommt man Ausgang? Wie steht’s mit Geld und was tut man hier den ganzen Tag?
Die Ähnlichkeiten mit der offenen Anstalt waren zwar vorhanden, jedoch nicht deckungsgleich. Viele Namen von Personen habe ich heute noch in meinem Kopf. Dokumentieren werde ich keinen einzigen. Etliche Jahre später traf ich per Zufall einen Ehemaligen und selbst seiner Frau hatte er nie von seinem Heimaufenthalt erzählt. Ich werde die „Unterschlagung von Namen“ somit beibehalten und bitte gleichsam um Verständnis dafür.
Man brachte mich in die „Gustav Adolf Gruppe“. Jede Gruppe besaß einen Namen und Gruppen gab es insgesamt 8. Jede Gruppe setze sich aus ca. 20 oder 30 Jungs im Alter von 14 bis 20 Jahren zusammen. Die Gruppen verteilten sich innerhalb des Heimgeländes auf unterschiedliche Häuser, die wiederum einen eigenen Namen besaßen. Entlassen wurde ein Heiminsasse im Regelfall nach Beendigung seiner Lehre. Die Lehrwerkstätten befanden sich auf dem Gelände des Heimes, die Berufsschule besuchte ich in Melsungen.
Jede Gruppe hatte einen Gruppenerzieher und das Haus besaß einen Hausvater. Jede Gruppe besaß aber auch einen Gruppenstärksten und das ganze Heim besaß demnach einen Heimstärksten. Mit diesen Leuten galt es sich gut zu stellen, das lernte ich zuerst. Die Chance Gruppenstärkster oder gar Heimstärkster zu werden, standen nicht nur schlecht, sondern überhaupt nicht auf meiner Wunschliste. Diese Leute hatten keine sozialen Vorteile. Man zollte ihnen bloß Respekt, weil sie körperlich überlegen waren.
Als Gruppensprecher genoss man div. Vorteile, die Position des Heimsprechers schuf man seitens der Heimleitung erst im letzten Jahr meines dortigen Aufenthalts also 1972. Man wird eingekleidet, private Garderobe wird in der Kleiderkammer deponiert. Der Waschraum dient der täglichen Hygiene und ein Ganzkörperbad in Form der Dusche fand ein Mal wöchentlich für alle unter Aufsicht statt. Ja, alle standen dann nackt unter der Dusche und waren mit sich beschäftigt.
Die Größe und Form der Penisse anderer wurde aus dem Augenwinkel inspiziert, exzessive Onanisten entlarvten sich selbst, denn deren Fortpflanzungsorgan stand auffällig verbogen in der Gegend. Es war nicht peinlich, jedoch und auf jeden Fall völlig ungewohnt, sich plötzlich inmitten einer fremden Truppe präsentieren zu müssen. Scham in der gewohnten Art existierte nicht mehr, wurde unterdrückt oder als unmännlich verworfen. Die Attribute ein Mann zu sein, korrigierte und rationalisierte ich erst Jahre später.
Die ersten Wochen nach meiner Einlieferung verbrachte ich mit der Fertigung von Sicherungen für Autos. Auch stand das Pikieren von allerlei Pflanzen stets auf dem Tagesplan und weder Wind noch Wetter beeinflussten dieses Treiben in der Gärtnerei. Ich sollte mich aber für einen Lehrberuf entscheiden. Ich war Berufsfinder.
Darum beobachtete ich die Lehrlinge vor und nach Feierabend. Wie sahen sie vorher aus und wie danach? Ein recht eigentümliches Auswahlkriterium ließ in mir den Wunsch erglimmen, Schreiner zu lernen. Die Schreiner sahen nach Feierabend immer besser aus, als alle anderen. Die Schlosser hatten verschmierte und ölige Finger, tränende Augen vom Schweißen und rochen ein wenig eigentümlich.
Die Schneider lockten mich auch nicht, wiesen zerstochene Fingerkuppen auf und nebenan die Schuster bekamen den Klebstoff nie spurlos von den Händen. Landwirtschaft und Garten wären ohnehin nie in die engere Wahl gekommen. Die beiden Ausbildungsplätze im Büro waren von den Töchtern der Lehrmeister besetzt und die Elektrikerwerkstatt diente zum Herstellen von besagten Sicherungen. Eine Ausbildung fand dort nicht mehr statt. Wozu auch, ich hatte mich entschlossen Schreiner zu werden.
Holz ist leichter zu bearbeiten als Stahl, Leim ist wasserlöslich und Schleif- bzw. Bohr- oder Sägestäube lassen sich mühelos mit Pressluft beseitigen. Die dann entstandene Reihenfolge lässt sich mit Stichworten erzählen: Kleiderkammer, Ausbildungsvertrag, Werkbank. Voilà.
Auf den WWW-Seiten der Diakonie Kurhessen – Waldeck liest man folgenden Text:
Erste Einrichtungen entstanden: 1844 wurde in Rengshausen (heute Gemeinde Knüllwald im Schwalm-Eder-Kreis) das „Burschenheim Beiserhaus“ gegründet, ein Heim für „verwahrloste Jugendliche“, denen Unterkunft und Ausbildung angeboten wurden. 1845 folgte die Gründung des Kinderkrankenhauses „Zum Kind von Brabant“ in Kassel.
Bildquelle: HIER
Popularity: 5%




Einträge (RSS)
Hatte die gleiche Erfahrung im Jahre 1966-69.
Wir waren bestimmt nicht dort weil wir Engel waren,das Beisserhaus hat auch viele Männer hervorgebracht.
Ich war dort als das Schwimmbad gebaut wurde