Gewalt als erzieherische Maßnahme – die SuperklasseUm ohne Prüfung am Gymnasium aufgenommen zu werden, besuchte ich während des letzten Halbjahres die Volksschule im Internat in Bendorf/Sayn. Sie lag innerhalb des Internats, gehörte also dazu. Das war 1965 und wir wohnten seinerzeit in Selters im Westerwald. Die Sitten und Gebräuche im Internat waren streng, mir jedoch nicht fremd. Zuhause herrschte ebenfalls eine gewisse Strenge, die ich nie als Belastung empfand.

Im Internat in Bendorf/Sayn hatte ich zum ersten Mal Kontakt zu Patern in Kutten. Welchem Orden die Herren angehörten, habe ich mittlerweile vergessen, es ist unwichtig ob eine Person in brauner oder schwarzer Montur erscheint. Unsere Gruppe, oder man sagt wohl besser Klasse, unterlag der „Befehlsgewalt“ eines Laienbruders in ziviler Garderobe. Ein eher kleiner und wuchtiger Typ mit dicken feuchten Lippen und dünnen braunen Haaren.

Man hatte irgendwie Angst vor ihm. Als Kind sowieso. Angst hat zwar die Menschheit nach vorne gebracht, aber das wusste ich damals noch nicht und handelte entsprechend unterwürfig, gefügig und folgsam, wie ein dressierter Gaul. Alle taten es. Alle hatten Angst vor diesem „Bruder“. An seinen Namen kann oder mag ich mich heute nicht mehr erinnern. Vielleicht hat mein Gehirn ihn verdrängt. Die Szenen von damals hat mein Gehirn jedenfalls nicht verdrängt und ich kann mich an jede Sekunde erinnern.

Es war eine Art Ritual und das passierte jede Woche zum selben Zeitpunkt. Wer sich innerhalb der Woche etwas zu Schulden kommen ließ und dazu musste man sich nicht anstrengen, stand zur Strafe in der Reihe. Diese Reihe bestand aus ca. 8 oder 10 Jungen meines Alters. Ich war 10 Jahre alt. Dieser „Bruder“ stellte die Reihe auf. Immer an der selben Position, immer im selben Zimmer, immer am selben Wochentag.

Dann ging er die Reihe ab und neigte die Kopfhaltung jedes Einzelnen. Er legte den Kopf in eine bestimmte Position und niemand wagte dabei zu sprechen, sich zu bewegen oder sonst wie auf sich aufmerksam zu machen. Den Kopf nach der Positionierung wieder gerade zu richten ist nie passiert. Die Angst war zu riechen. Heulen oder um Gnade, bzw. um Verzeihung ob der geleisteten Fehltritte zu bitten, wurde niemals umgesetzt.

Man hatte zu gehorchen, zu funktionieren, sich der Strafe kommentarlos hinzugeben, dennoch niemand so richtig wusste, was er eigentlich „verbrochen“ hat. Darum ging es auch gar nicht. Es war eine perverse und willkürliche Handlung zur Befriedigung gestörter Sinne, die in diesem Laienbruder zuhause waren und er mit den ihm anvertrauten Kindern unbehelligt tun und lassen konnte, wonach ihm just der Sinn stand. Das war das einzig gültige Motiv und niemand bremste ihn, weil es niemand erfuhr.

Er schritt die Reihe zurück ab, „bewunderte“ die von ihm schräg gestellten Köpfe und befand sich dann wieder beim Ersten. Nun holte er aus und schlug mit brachialer Gewalt auf das fein säuberlich zurechtgerückte Gesicht seines Gegenüber. Kein Weinen, kein Schluchzen, kein Wimmern – nur stille Tränen. Die Schräglage des Kopfes war ballistische Maßarbeit und der Winkel der schlagenden Hand des „Bruders“ traf fast immer. Manchmal kam es vor, dass er „daneben“ schlug, es klatschte nicht ausreichend.. Dann holte er erneut aus (auf das selbe Gesicht) und schien diesmal sichtlich zufriedener.

Jeder wusste was passiert. Der Rest der Gruppe stand im Hintergrund des Raumes und verfolgte das Szenario. Einige standen nie in dieser Reihe, sie waren „fehlerfrei“ und mussten diese Pein nicht hinnehmen. Natürlich waren sie nicht fehlerfrei, sie hatten sich anderweitig „freigekauft“.

Da es der Reihe nach ging und jeder „Übeltäter“ bestraft werden musste, kam auch ich irgendwann dran. Mir war übel, ich fühlte mich gedemütigt und ohnmächtig. Niemand half mir aus diese Lage heraus, niemand wusste davon und niemand hätte mir auch nur ein Wort geglaubt, so ich es jemandem erzählte. Manchmal korrigierte er die Kopfhaltung ein wenig nach. Dann holte er wieder aus und drosch ungebremst zu. Ich weiß heute nicht mehr wie oft ich während dieses halben Jahres in jener Reihe stand, aber es war oft.

Schon während des Verlaufs einer Woche wurde man bei der geringsten Kleinigkeit seinerseits darauf hingewiesen, dass man dafür eine „Superklasse“ kassiert. Das Wort Superklasse war seine „Umschreibung“ für das gesamte Spektakel und jedem Beteiligten ein Begriff.

Den „Freigekauften“ wurde ein völlig anderes Schicksal zuteil. Ich bekam Fieber und man brachte mich auf die im Internat eigene Krankenstation. Dort lag ich mit Schlafanzug im Bett. Der Rest der Gruppe war – soweit ich mich entsinnen kann – im Kino, geschlossen spazieren, auf jeden Fall nicht da. Es herrschte also Leere auf den Fluren und in den Räumen. Ich lag als einziger im Zimmer, lag ermattet im Bett und fühlte mich mies.

Die Türe ging auf und er trat ins Zimmer. Einen Waschlappen und eine Schüssel mit Wasser hielt er in den Händen. Er setzte sich auf die Bettkante, stellte die mitgebrachte Schüssel auf die Konsole und begann die Knöpfe meiner Schlafanzugjacke zu öffnen. Alles geschah wortlos, bloß mein Atem und mein Puls waren vernehmbar, es kam mir jedenfalls so vor.

Er wusch mit dem Waschlappen den Schweiß von meiner Brust, wrang ihn wieder aus und wusch weiter. Immer ein Stückchen tiefer. Mir war klar, dass das Gummiband zu meiner Schlafanzughose keine Grenze für ihn bildet. Sexualität war zu diesem Zeitpunkt kein existierendes Thema für mich und dennoch hatte ich das Gefühl, hier könne irgendwas nicht stimmen. Es war mich absolut unmöglich, mich dieser Situation zu entziehen.

Die Gruppe war fort, er war allein mit mir und ich ihm wehrlos ausgeliefert. Diese Lage wollte er nutzen, das realisierte ich. Zielsicher wenn auch mit einer gewissen Vorsicht und Bedächtigkeit, schob sich seine im Waschlappen befindliche Hand immer tiefer und erreichte schließlich die Grenze zur Schlafanzughose, welche doch eigentlich auch für ihn tabu sein sollte. Mein Atem stand still und ich hatte das Gefühl nur noch ein- aber nicht mehr auszuatmen.

Stimmen waren zu hören. Die Gruppe war zurück und erfüllte die Räume mit Geräuschen. Es war meine Rettung. Umgehend ließ er von mir ab, nahm seine Utensilien und verließ den Raum. Ich konnte mich sicher fühlen. Wahrscheinlich habe ich ein erlöstes und glückliches Gesicht gemacht. Ich wusste jedoch jetzt, warum die „Freigekauften“ nie in dieser Reihe zum Empfang der „Superklasse“ standen. Bei ihnen wurden diese Grenzen überschritten, man tuschelte darüber.

Bildquelle: HIER

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7 Antworten zu “Gewalt als erzieherische Maßnahme – die Superklasse”
  1. Clatsch sagt:

    WoW ein super Artikel! Kompliment

  2. ex-user sagt:

    hi, super würde ich mit dieser Geschichte nicht zusammen bringen….welch ein grausame Gewaltvolle Kindheit in einer Einrichtung zum wohle von Kinder..
    wenn es wirklich einen Himmel oder wie auch geben wird, hoffe ich aus tiefsten Herzen, das Menschen die der Art grausam sind ihr strafe bekommen. leider bekommen kirchlichewürdenträger auf erden keine strafen. die Traumavisierten Kinder tragen das ihr leben lang mit sich. in meinen Job habe ich viel mit Menschen die Missbrauch erlebt haben Zutun, es ist eine Zerstörung die oft bis zum lebendende anhält. finde es gut das immer wieder daran erinnert wird zu was Menschen fähig sind.
    dank dafür

  3. Lutz Spilker sagt:

    Hallo ex-user,

    merci für deinen emotionalen Kommentar. Leider schweigt die überwiegende Zahl der Betroffenen noch heute. Die Angst ihnen nicht zu glauben überwiegt.

    Die Lobby der von dir angesprochenen Personen ist maximal „seriöser“ und wird von unserer Gesellschaft bevorzugt, man könnte sogar sagen, sie wird kritiklos akzeptiert.

    Ja – die Superklasse stellte eine böse Waffe dar…

    lG
    Lutz

  4. ex-user sagt:

    ja leider, das Interesse ist auch hier im blog sichtbar…alles doch oberflächlich…

    es erfreut mich das du den Mut und die Kraft findest. darüber zu schreiben….
    LG
    Inge

  5. barbara sagt:

    ich hoffe sehr, dass es dir hilft, das alles aufzuschreiben. Und sowas nennt sich christlich! Mir treibt das Tränen in die Augen!

  6. Lutz Spilker sagt:

    Hallo Barbara,

    es hilft nicht wirklich. Es ist auch keine Anklage, nur weil es im Netz steht, es soll die Betreffenden bloß (so sie es lesen oder davon hören…) daran erinnern, dass man sie nicht vergessen hat.

    Herr Mixa trat zurück. Eine weise, wenn auch viel zu späte Entscheidung.

    Merci auf jeden Fall, für deinen Kommentar.

    lG
    Lutz

  7.  
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„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“
Mark Twain (1835-1910), eigentl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller